Mountainbiken macht weise

Mountainbiken verändert dich. Zum Guten, wie ich meine. Frei nach Nietzsche ist der Sinn des Lebens, selbst ein besserer Mensch zu werden, um sich selbst und anderen Gutes zu tun, damit die Welt eine bessere wird. So verstehe ich es. So versuche ich ein besserer Mensch zu werden. Und mag es noch so komisch klingen, es gibt zwei Dinge in meinem Leben bei denen ich ständig dazu lerne und die ich nicht missen möchte: Mountainbiken und Unternehmerin sein. Beides Bereiche, in denen man extremen Situationen, Hochs und Tiefs, Erfolgen und Misserfolgen ausgesetzt ist. Permanentes Lernen – und das pur. Mit voller Kraft. Das macht das Leben für mich lebenswert. Was ist denn da nun dran, am Mountainbiken? Warum bitteschön soll das eine Lebensschule sein? Und Spaß macht die auch noch?

01. Setze Ziele, um sie zu erreichen.

Jede Tour hat mindestens ein Ziel. Das kann ein Ort, ein Berg sein oder das Biken an sich. Die Lust an der Bewegung. Allein die Bestimmung des Zieles kann zu einer Herausforderung werden. Du musst dich entscheiden. Mit wem willst du wohin? Ist der Weg das Ziel oder doch der Gipfel? Bist du dann unterwegs, stehst du immer wieder vor der Frage: Warum quäle ich mich so? Warum tue ich mir das an? Nur um nachher wieder den Berg hinunterzufahren! Weil es Spaß macht! Den Weg zu meistern, das Ziel zu erreichen, erschöpft von einer langen Tour nach Hause zu kommen.

02. Begib dich auf die Suche nach dem Sinn.

Der Sinn der Sache, ist die Sache selbst. Du tust es, weil du dich nachher gut fühlst. Weil du weißt, dass du etwas geschafft hast. Weil dein Körper Endorphine ausschüttet nach denen du süchtig wirst. Die körperliche und geistige Anstrengung, die Spannung – “Schaffe ich diese schwierige Passage ohne Sturz?” – lassen dich nicht mehr los. Mir geht es zumindest so. Dazu: Natur! Die Landschaft vorüberziehen lassen, die frische Luft einatmen. Für ein paar Stunden keine anderen Menschen sehen. Die meditative körperliche Bewegung. Die Fokussierung auf die Strecke in technisch schwierigem Gelände, die keine anderen Gedanken zulässt. Du hörst auf nach dem Sinn zu suchen. Du lebst einfach im Moment.

03. Finde den Weg, aber hab keine Angst umzukehren.

Den Pfad zu finden, ist abseits der ausgeschriebenen Touren mitunter eine Herausforderung. Es waren schon mehrmals Menschen in Wien auf der Sophienalpe in Bergnot. Lachhaft, würde man meinen, doch das geht schneller als man denkt. Daher immer eine Karte mitführen und aufmerksam die Umgebung beobachten. Öfters mal Halt machen und auf der Karte checken, ob man noch am richtigen Weg ist. Mit dem Rad geht es recht schnell nach unten, wenn man dort realisiert, dass 400 Höhenmeter weiter oben die richtige Abzweigung gewesen wäre, muss man eine Stunde wieder nach oben strampeln. Gar nicht lustig. Jede unbekannte Tour ist Neuland, ein kleines Abenteuer. Die Abwechslung vom Alltag, in dem alles vorbestimmt scheint.

04. Halte durch.

Keine Frage. Ausdauer ist beim Mountainbiken entscheidend: die geistige Ausdauer mindestens genauso wie die körperliche. Wenn du den Willen nicht aufbringst, die Tour zu fahren, die Steine zu überwinden, dich mutig über Wurzeln zu wagen, dann solltest du dir eine andere Sportart suchen. Gib nicht gleich auf, wenn du das liest. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Mountainbiken kann man lernen. Ausdauer kann man trainieren. Es geht ums Durchhalten und Aushalten von extremeren Situationen als im Alltag. Aber nur solange sie dir Freude bereiten.

05. Erkenne deine Grenzen indem du sie überschreitest.

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, zu welchen Leistungen wir Durchnittsmenschen fähig sind. Es gibt Situationen, wo man die Länge einer Tour unterschätzt oder sich die Wetterbedingungen ändern, sodass sich der Schwierigkeitsgrad erhöht. Und trotzdem kommen alle ans Ziel. Viele überschreiten ihre konditionellen und mentalen Grenzen. Die eigenen Grenzen zu überschreiten und das Ziel zu erreichen, gibt dir ein enthusiastisches Gefühl. Bei der Fahrtechnik ist das anders. Die Grenzen deiner fahrtechnischen Fähigkeiten solltest du nur überschreiten, wenn du dir sicher bist, dass du die Situation meistern kannst. Sobald du Angst spürst, sei so mutig und steige vom Fahrrad ab. Mit Geduld und Übung wird sich deine Fahrtechnik im Laufe der Zeit verbessern. Willst du schneller besser werden, besuche ein Fahrtechnik-Seminar. Jede schwierige Passage, die du fahrend und nicht schiebend bewältigst, bereitet Freude und Stolz.

06. Erlange Selbstwert durch Eigenständigkeit.

So findest du im Laufe der Jahre deine innere Sicherheit. Das Wissen, welche Touren du meistern kannst und auf welche du dich noch vorbereiten musst. Du lernst dich besser einzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen. Hast du deinen ersten Patschen selbst behoben, kannst du anderen zeigen wie das geht. Du bist damit eigenständig, meist unabhängig von der Hilfe anderer. Das erhöht deinen Selbstwert.

07. Beherrsche die Technik und lass dich nicht von ihr beherrschen.

Die einen lieben es, die anderen hassen es: unzählige Mountainbike-Typen, Material-Komponenten, der technische Schnickschnack. Hört man den Leuten zu, könnte man meinen, beim Mountainbiken habe man es mit Raumfahrttechnik zu tun. Noch ist aber niemand auf einem Mountainbike zum Mond geflogen. Wichtig ist, dass du ein Rad hast, das technisch einwandfrei funktioniert und gut gewartet ist. Wer mit abgefahrenen Reifen und schleissigen Bremsbelägen eine Tour beginnt, handelt unverantwortlich – sich selbst und der Gruppe gegenüber. Die Entwicklung der Mountainbike-Technik geht so rasant voran, dass man jedes Jahr ein neues Rad kaufen könnte. Das ist aber nicht notwendig. Wer das Mountainbiken nur mal probieren will, sollte sich eines mieten oder mit einem gebrauchten Rad beginnen. Stellst du fest, dass es dir gefällt, rate ich durchaus zu einem höherpreisigen Modell. Da es wirklich einen Unterschied zwischen “geht schon” und “ist toll” gibt. Das eigene Mountainbike so gut zu kennen, dass man einen Patschen beheben oder die Kette wieder einhängen kann, ist Pflicht. Vor allem wenn Frau oder Mann alleine unterwegs ist. Wer das kann, wird große Freude am Rad und am Fahren finden.

08. Hab den Mut, dich auf Wesentliches zu konzentrieren.

“In der Ruhe liegt die Kraft”, lautet ein Sprichwort. Das trifft auch auf das Mountainbiken zu. Was man nicht vermuten würde, wenn man die Downhiller und Berg-Runter-Rasenden sieht. Ohne Konzentration auf die Aufgabe würde man schnell auf der Nase liegen. Downhiller gehen zuerst die Strecke ab und besichtigen die technischen Schwierigkeiten. Wir Normalos sollten uns genauso auf der Strecke bewegen. Ruhig und konzentriert, mutig wo es nicht zu riskant ist. Besser langsam und gesund unten ankommen als schnell im Spital.

Mountainbiken macht Spaß, erteilt dir Lektionen fürs Leben und nebenbei lernst du Gleichgesinnte kennen. Es ist ein Rundum-Sport. Körper und Geist werden gleichermaßen gefordert. Du bist in der Natur und kannst dem Alltag entfliehen. Du merkst wie wenig Materielles du brauchst, um eine schöne Zeit zu haben (denn ein schwerer Rucksack hängt sich an und du lernst: weniger ist mehr). Du spürst dich.

ZUR PERSON

Anita Posch ist Mountainbike-Guide und Unternehmerin in Wien. Schon früh ist sie mit Mutters altem Fahrrad die Böschung vor dem Haus hinuntergefahren und wäre am liebsten Rallyefahrerin geworden. Gemeinsam mit Martina Gruber gründete sie die “Berghoch2 Frauen-Akademie”, ein Projekt das die Vermittlung von Wissen mit sportlichen Aktivitäten in der Natur kombiniert. Ziel ist die Stärkung der Position der Frauen in Beruf und Alltag. Sitzt Anita Posch nicht auf dem Mountainbike, dann unterstützt sie Unternehmen bei ihren Social-Media- und Internet-Auftritten und betreut die eigenen Start-ups “wienett – Handwerk zum Kaufen” und “raumdirekt – Finde Deinen Arbeitsraum”.